Mein Kiez Teil 1 – Vom Hackeschen Markt bis zur Torstraße

Titelfoto  Markus Rack Photography

 

Hallo aus Berlin,

während ich in den vergangenen Jahren überwiegend in Kreuzberg und Neukölln unterwegs war, habe ich seit einiger Zeit Mitte und Prenzlauer Berg für mich wiederentdeckt. Da die beiden Bezirke eben nicht nur Kommerz, Gentrifizierung und Touri-Hype zu bieten haben, stellt Heart Of Brandenburg in den nächsten Wochen einige besondere Orte aus unserem Kiez zwischen Hackescher Markt und Danziger Straße vor.


Teil 1: Heute gehts vom Hackeschen Markt über das Scheunenviertel bis zur Torstraße

Ein Ort aus einer anderen Zeit: Haus Schwarzenberg

Am Hackeschen Markt zwischen Starbucks und MCM gibt es in der Rosenthaler Straße noch einen anachronistisch anmutenden Ort, der die städtebauliche Entwicklung der vergangenen 2 Jahrzehnte überdauert hat, bzw. so konserviert wurde, dass er uns hoffentlich noch lange erhalten bleibt.

Die Spandauer Vorstadt war Ende der 80er ein einfaches Ostberliner Arbeiterquartier, dessen Altbausubstanz  dem Verfall preisgegeben war. In dem von Baulücken geprägten Areal rund um den Hackeschen Markt war damals an Shopping und Ausgehen nicht zu denken. Nur ein paar alte Bierkneipen, wie Sophien- oder Münzclub hatten die Jahrzehnte überlebt. Das Café Cinema war dann eines der ersten neuen Cafés im Kiez und eröffnete einen Tag vor der Wiedervereinigung. Doch anders als die „neue Mitte“ Berlins hat sich hier bis heute kaum etwas verändert.

Zu verdanken ist dies dem 1995 gegründeten Verein „Schwarzenberg e.V.“, der das Erscheinungsbild und die kreative Mischnutzung des seit Wendezeiten dem Verfall überlassene Gebäudeensembles geprägt hat.

Kreuzberg Berlino

Heute haben hier neben Künstlern mit ihren Ateliers,  auch die Galerie Neurotitan, der Club Eschschloraque, das Monsterkabinett und das Programmkino Central ihre Heimat gefunden.

Das Café Cinema gehört mit seinem dunklen Ambiente unter vergilbten Filmplakaten und gedimmten Scheinwerfern und nicht zuletzt mit seinem schummerigen Raucherraum schon seit Jahren zu meine Favoriten in Mitte. Im Sommer kann man auch im Hof sitzen und dann durch den Hinterhof schlendern.

Mit dem Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt, dem Anne-Frank-Zentrum sowie der zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand gehörenden Gedenkstätte Stille Helden, befinden sich hier bedeutende Dauerausstellungen:

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt

Otto Weidt war Besitzer der jüdischen Blindenwerkstatt am Hackeschen Markt. Während des Holocaust stellte sich Weidt schützend vor seine MitarbeiterInnen und rettete so mehreren BerlinerInnen jüdischen Glaubens das Leben. Dafür wurde er in Jad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt.

Anne Frank Zentrum

Das Anne Frank Zentrum ist die deutsche Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Mit Ausstellungen und Bildungsangeboten erinnert das Zentrum an Anne Frank und ihr Tagebuch.

Gedenkstätte Stille Helden

Die Dauerausstellung informiert über die Verfolgung und die Zwangslage der Juden angesichts der drohenden Deportationen, über den Entschluss einzelner, sich durch Flucht in den Untergrund der tödlichen Bedrohung zu widersetzen, sowie über das Handeln und die Motive der Frauen und Männer, die ihnen halfen.

Infos: Haus Schwarzenberg, Rosenthalerstraße 39, 10178 Berlin

 

Ausgelöschte Welt – Das Scheunenviertel

Das Scheunenviertel ist für mich immer schon ein ganz besonderer Ort gewesen: Straßenkämpfe während der Revolution 1919, Heimat der berüchtigten Ringvereine, Standort verruchter Kneipen wie Café Mexiko oder Mulackritze und nicht zuletzt das Zentrum der JüdInnen aus Osteuropa. Berlin war Zwischenstation und Zufluchtsort für Tausende von JüdInnen aus Osteuropa, die vor Krieg, Pogromen oder der Novemberrevolution aus Russland, Litauen und Galizien geflohen waren. Für ein gutes Jahrzehnt wurde das Scheunenviertel zum Zentrum jüdischer Migration in Europa. Zentrum war die damalige Grendierstraße, die heutige Almstadtstraße.

Bundesarchiv Bild 183-1987-0413-502, Berlin, im Scheunenviertel, Juden.jpg
Foto: P. Buch; von Bundesarchiv, Bild 183-1987-0413-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Synagogen, Talmudschulen, Bethäuser, kleine Kabaretts und Theater, Buch- und Lebensmittelläden prägten hier das Stadtbild. Doch schon Ende der 1920er verlor das Scheunenviertel als kulturelles und Lebensmittelpunkt der JüdInnen aus Osteuropa an Bedeutung, denn  viele wurden einfach abgeschoben, emigrierten in die USA oder wurden nach dem Judenboykott von 1933 in sog. wilden Konzentrationslagern interniert. Bis 1942 wurden die verbliebenen JüdInnen in die Todeslager im Osten deportiert und ermordet.

 

Bundesarchiv Bild 183-1987-0413-501, Berlin, im Scheunenviertel, Straßenhandel.jpgFoto: P.Buch; von Bundesarchiv, Bild 183-1987-0413-501 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Durch Zerstörung im 2. Weltkrieg und Vernachlässigung in den folgenden Jahrzehnten verfiel das Scheunenviertel dann endgültig. Marode Bausubstanz, öde und dunkle Straßenzüge prägten fortan das Stadtbild. Nur vereinzelt konnte man an den Häuserwänden verblichene Schriftzüge und wenige Erinnerungen an die früheren Bewohner ausmachen.

Nach der Wiedervereinigung hat sich die Gegend dann mit neuen Bewohnern, Geschäften und Gastronomie in einen beliebten und schicken Kiez verwandelt. Bis auf die Stolpersteine gibt heute leider kaum noch Indizien auf die früheren BewohnerInnen und die bewegte und dramatische Geschichte des Viertels.

 

Prassnik: „Die perfekte Emulation einer HO-Gaststätte“

In der Torstraße hat sich in den letzten Jahren viel getan: Nicht nur der Verkehr scheint sich jedes Jahr zu vervielfachen, sondern auch Pop Up Stores, Kneipen, Bars und kleine Gastrobuden schießen wie Pilze aus dem Boden. Während das Baiz schon in die Schönhauser Allee ausweichen musste, sind Kaffee Burger und das Prassnik noch alte Bekannte.

Die Gaststätte Prassnik ist mein absoluter Favorit. Denn hier wird perfekte DDR-Illusion geboten: Den Boden bedeckt türkis-braunrotes Linolium-Schachbrett, die Wände präsentieren sich zur Hälfte mit vermeintlicher Ostblockoriginalfarbe und Siebzigerjahretapete. Großartig! Denn hier ist der Service super, das Publikum angenehm, das Bier günstig und es herrscht immer eine relaxte Stimmung.

Prassnik, Torstraße 65,10119 Berlin, tägl. ab 19:00 Uhr

Beste Grüße

Paul

 

6 Gedanken zu “Mein Kiez Teil 1 – Vom Hackeschen Markt bis zur Torstraße

  1. Habe eben entdeckt, dass ihr mir „folgt“, aber auch sehr interessante Beiträge auf eurem Blog. Z.B. über Berlin! Werde mal so richtig stöbern bei euch, bin aber zur Zeit auf Reisen und so muss das noch ein wenig warten. Danke für euer Like beim Lausitzer Seenland. Wir waren ja auch im Spreewald usw. Die Beiträge findet ihr alle unter Suchwort „Wohnmobilreise“. Wir waren nämlich zwei Wochen „im Osten“ unterwegs – nicht nur in Brandenburg.
    Liebe Grüße 😀 Sigrid

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